HAYDN RESEARCHvienna
“Das Neue Digitale Joseph Haydn Werkverzeichnis”
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“Werkverzeichnis”
Das Neue Digitale Joseph Haydn Werkverzeichnis ordnet das Gesamtwerk Joseph Haydns chronologisch und systematisch zugleich, nach dem Stand der heutigen Forschung. Es soll die bisherige Referenz ablösen, das zwischen 1957 und 1978 erschienene Verzeichnis Anthony van Hobokens. Bis dahin sind wesentliche Forschungsfelder zu bearbeiten — von den Wasserzeichen bis zur Quellenforschung. Grundlage ist eine bereits eingeführte durchgehende elektronische Signatur: die HW-Nummer. Sie bezeichnet ein Werk eindeutig, unabhängig von Gattung, Besetzung und Überlieferungsweg, und bleibt bestehen, wenn sich das Urteil über ein Werk ändert. Ein Teilprojekt in Vorbereitung, das Verzeichnis der Verzeichnisse, arbeitet die wichtigsten Kataloge rund um Haydns Werk auf und bildet den Ausgangspool der Neukatalogisierung. Die Hoboken-Nummer wird als historisches Dokument weiter mitgeführt. Das Verzeichnis entsteht nicht als Buch, sondern als Datenbestand — maschinenlesbar, mit persistenten Bezeichnern und offenen Standards. Der Arbeitshorizont reicht bis 2030.
“Werkliste”
Die Werkliste ist der Zugang zum Verzeichnis und sein Ausgangspunkt. Sie führt gegenwärtig 982 Werke unter den Signaturen HW0001 bis HW0982. Werke bis HW0799 gelten als gesichert von Haydn; die Werke ab HW0800 sind aufgenommen, weil ein historischer Katalog sie unter seinem Namen führt — ob sie von ihm stammen, hat die Quellenforschung erst zu klären. Es ist deshalb nicht ausgemacht, dass alle Werke dieser Liste später im neuen Werkverzeichnis stehen. Zu jedem Werk hält die Liste fest, was es zuallererst bestimmbar macht: Titel, Tonart, Besetzung, Entstehungszeit, gegebenenfalls den Textdichter — und die Hoboken-Nummer, sofern eine besteht. Wo keine besteht, steht deest, und zwar als Angabe, nicht als Lücke. Unterhalb der Werkebene ist jeder Satz verzeichnet, mit Tempobezeichnung, Tonart und Taktart; derzeit sind das 2.794 Sätze zu 940 Werken. Zu 42 Werken fehlen die Satzangaben noch — teils, weil das Werk verschollen ist, teils weil die Erfassung aussteht.
“Incipits”
Das Incipit ist das wichtigste Mittel, ein Werk zu identifizieren, und oft das einzige sichere. Titel wandern, Besetzungen werden umgeschrieben, Zuschreibungen wechseln; die Notenfolge des Anfangs bleibt. Der Incipit-Katalog verzeichnet die Satzanfänge des Gesamtwerks, satzweise und jeweils der HW-Nummer zugeordnet; erfasst werden Tonart, Taktart, Tempobezeichnung und die Notenfolge selbst. Eingegeben und codiert sind bislang 2.396 Incipits zu 937 Werken. Sie liegen aber nicht als Bilder vor, sondern als digitaler Notentext: zunächst noch in MusicXML. In einem nächsten Schritt werden dann in Kooperation mit dem Centre for Digital Music Documentation (CDMD), Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, alle Incipits in MEI-Standard überführt.
“Personalia”
Um Joseph Haydn stand ein weites Feld von Menschen: Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Kopisten, Textdichter und Verleger — kurz ein Team, ohne das Haydn seine Arbeit nicht hätte leisten können. Ihre Namen stehen in Rechnungen, Kontrakten, Besetzungslisten, Konzertzetteln und auf den Handschriften selbst — meist verstreut, oft in wechselnder Schreibung, selten erschlossen. Das Vorhaben Joseph Haydn Personalia Digital erfasst diese Personen für die Jahre 1761 bis 1809 prosopographisch: Person, Ort, Funktion, Beziehung. Jeder Name wird gegen die Gemeinsame Normdatei abgeglichen; wo kein Datensatz besteht, wird einer angelegt. So wird aus einem Namen auf einem Blatt Papier ein Bezeichner, der sich mit anderen Beständen verbinden lässt. Erst dadurch wird sichtbar, wer wann wo für wen gearbeitet hat — und damit auch, welche Handschrift wann und in wessen Umkreis entstanden ist. Wer eine Handschrift datieren will, braucht die Person, die sie geschrieben hat. Das Vorhaben ist in Vorbereitung.
“Kataloge”
Schon vor Anthony van Hobokens Verzeichnis, dem heutigen Referenzwerk, bestanden historische Kataloge der Werke Joseph Haydns, doch sie fanden kaum Beachtung. Der Entwurf-Katalog (EK), den Haydn selbst um 1765 anlegen ließ und über Jahrzehnte fortführte, ist die früheste eigene Übersicht über sein Schaffen. Das Haydn-Verzeichnis (HV) von 1805, mit seinen in Teilen divergierenden Kopien und niedergeschrieben von seinem Kopisten Johann Elßler, ist die letzte, die noch zu seinen Lebzeiten entstand. Dazu treten die umfassenden Verzeichnisse des Wiener Sammlers Aloys Fuchs, schon thematisch und nach Tonarten geordnet. Jeder dieser Kataloge wird digital aufgenommen, Incipit für Incipit, in der Reihenfolge des Originals und mit dessen Schreibweise. Da keiner von ihnen eine durchgehende, logisch nachvollziehbare Zählung besitzt, trägt jeder eine eigens eingeführte Nummerierung. Auch diese Incipits werden maschinell lesbar gemacht. Mit Edirom wird sich das elektronische Incipit unmittelbar am Digitalisat der Katalogseite ablesen und mit allen übrigen Katalogen querverbinden lassen. So entsteht ein Verzeichnis der Verzeichnisse.
“Wasserzeichen”
Über die Zeit ihrer Entstehung verrät das Papier oft mehr als die Noten darauf. Haydn schrieb auf Papier verschiedener Herkunft, und jede Sorte trägt ihr eigenes Wasserzeichen. Italienisches Papier zeigt vor allem die drei Halbmonde, englisches die Lilie, das in Lockenhaus geschöpfte Papier den Hirsch. Wo ein Bogen herkam, ist keine Nebensache: Papier war teuer, wurde in Partien gekauft und beim intensiven fürstlichen Musikbetrieb in überschaubarer Zeit verbraucht. Lässt sich eine Papiersorte datieren, lässt sich auch die Handschrift datieren, die darauf steht — und mitunter eine chronologische Zuschreibung stützen oder widerlegen. Der Bestand wird deshalb systematisch nach Wasserzeichen aufgenommen: Motiv, Gegenzeichen, Bindungsart, Steg- und Ripplinienabstände. Die Aufnahmen werden mit den einschlägigen Wasserzeichendatenbanken verbunden, damit ein Befund aus Wien mit einem aus Budapest oder London vergleichbar wird. Die Lilie im Logo von Haydn Research Vienna stammt aus eben diesem Papier.
“Kopisten”
Der weitaus größte Teil der Haydn-Überlieferung ist nicht von Haydns Hand. Verbreitet wurde seine Musik durch Abschriften, geschrieben von Kopisten — allen voran die Dynastie der Elßlers, die jahrzehntelang für Haydn arbeitete und deren Tun bis in die letzten Verzeichnisse hinein zu finden ist. Neben ihnen standen weitere Schreiber im Dienste der Fürsten, für die Joseph Haydn wirkte. Eine Schreiberhand ist bestimmbar — an der Führung der Notenköpfe, an Schlüsseln und Pausenzeichen, an Kustoden und Titelaufschriften. Ist sie bestimmt, wird sie zum Datierungsmittel: Sie zeigt, wann und in wessen Umkreis eine Abschrift entstand und welche Quellen voneinander abhängen. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen der Abschrift, die unmittelbar vom Autograph genommen wurde, und der Ausfertigung, die erst von einer Abschrift abstammt. Diese Grenze wurde bisher nicht konsequent gezogen — dabei entscheidet sie über den Quellenwert.
“Quellenforschung”
In den beiden Vorhaben Joseph Haydn Digital und Joseph Haydn Digital 2.0 wurden weit über 90 Prozent der noch existierenden Haydn-Autographe zusammengetragen und digital erschlossen; die Werkliste weist sie nach. Dabei geschah etwas, das den Blick auf den Rest verändert: Es tauchten Teilautographe auf, die bislang in keinem Katalog verzeichnet waren — ohne besonderen Aufwand und ohne dass danach gesucht worden wäre. Wenn Unverzeichnetes beiläufig zum Vorschein kommt, spricht das dafür, dass gezieltes Suchen mehr zutage fördert. Haydn Research Vienna geht davon aus, dass sich weitere Autographe im Umlauf befinden, die noch nicht entdeckt sind. Und dann gibt es die Werke, die als verschollen gelten, und auch hier geht Haydn Research Vienna davon aus, dass es diesbezüglich noch einiges zu entdecken gibt. Diesen Autographen beziehungsweise diesen Werken nachzugehen ist der Zweck der Quellenforschung.
Timeline
bis 01. 2027
“Incipits”
01. 2027 - 06. 2028
“Personalia”
bis 03. 2027
“Kataloge”
ab 07. 2027
“Wasserzeichen”
2029
“Kopisten”
2028-2030
“Quellenforschung”
Mitte 2031
“Publikation Werkverzeichnis”
Über uns
Haydn Research Vienna ist eine unabhängige musikwissenschaftliche Forschungseinrichtung mit Sitz in Wien, getragen von der FJH Research GmbH (FJH für Franz Joseph Haydn). Es ist auch das erste privat gegründete und geführte Institut seiner Art auf dem musikwissenschaftlichen Sektor. Möglich gemacht wurde dies nicht zuletzt durch die Unterstützung von Dr. Gustav Ammerer. Die Aufgabe von Haydn Research Vienna ist ein ehrgeiziges Vorhaben: Nicht weniger als das Neue Digitale Joseph Haydn Werkverzeichnis. Wissenschaftlicher Leiter ist Dr. Michael Fendre. Auf ihn gehen die Fachkompendien zu den Sinfonien (Haydn107), den Opern (Haydn13) und den Oratorien (Haydn5) zurück — einsehbar unter joseph-haydn.art — sowie die vom Bund geförderten Vorhaben Joseph Haydn Digital und Joseph Haydn Digital 2.0, aus denen die Infrastruktur stammt, auf der heute gearbeitet wird. Wichtigster Partner in der Haydn-Pflege ist der Verein Kunst und Wissenschaft Prein, der künftig eine umfassende Darstellung Haydns in Wissenschaft und Aufführung trägt. Weitere Partner sind die Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz und die Österreichische Akademie der Wissenschaften; dazu tritt eine enge Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Ein besonderes Merkmal der Partnerschaft mit dem Verein Kunst und Wissenschaft Prein besteht darin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in die musikalische Aufführungspraxis einfließen – insbesondere im Rahmen des von Harald Kosik kuratierten Joseph-Haydn-Konzertzyklus im Konzertsaal Hermannswörth.
Team
Die wissenschaftliche und organisatorische Leitung liegt bei Dr. Michael Fendre, Musikwissenschaftler und Dirigent, Geschäftsführer der FJH Research GmbH. Er hat die digitale Infrastruktur zu Joseph Haydn über Jahre eigenständig aufgebaut — von den Kompendien zu den Sinfonien, in denen er die Zählung wissenschaftlich von 104 auf 107 Sinfonien richtigstellte, über die Verzeichnisse der italienischen Opern und der Oratorien bis zu ihrer Zusammenführung in einem gemeinsamen Portal. Als Projektleiter konzipierte und verantwortete er die beiden vom Bundesministerium geförderten Vorhaben Joseph Haydn Digital und Joseph Haydn Digital 2.0 und mit ihnen den Aufbau einer standardkonformen Digitalisierungs- und Metadateninfrastruktur bis hin zur Überführung von Notendigitalisaten in maschinenlesbaren MEI-Code. Die Arbeit am Werkverzeichnis erfolgt in fester Zusammenarbeit mit den Partnerinstitutionen; für einzelne Arbeitsschritte kommen Fachleute der beteiligten Häuser hinzu.
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